lampedusa / sea-watch

Lampedusa ist eine nur 8 km lange karge Insel zwischen Tunesien und Sizilien, auf der die Zeit seit ein paar Jahrzehnten wie stehen geblieben zu sein scheint. Die Lampedusani erzählen am liebsten von ihrer Kapitulation im 2. Weltkrieg. Oder sie schimpfen auf die italienischen Touristen.

Ein unscheinbarer Platz nahe des Hafens erzählt noch eine andere Geschichte, die mittlerweile fest zu Lampedusa gehört. Denn hier lagern die alten Holzwracks der Schiffe, mit denen seit etwa 20 Jahren immer mehr Boat People versuchen, von den Küsten Nordafrikas an diese Insel zu gelangen. Später soll daraus ein Museum entstehen. Lampedusa, es ist für viele Menschen das Tor nach Europa und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch die meisten von ihnen, sie fürchten das Meer. Sie können nicht schwimmen und die kleinste Unachtsamkeit bringt die Fluchtboote zum Kentern. Sie bekommen zu wenig Benzin für den Bootsmotor, teilweise nicht mal einen funktionierenden Kompass. Oder aber sogar einen Dekokompass aus Holz, der hoffnungsvoll immer nach Norden zeigt und eigentlich an eine Wand gehört. Aber ein zurück gibt es für sie nicht. „Lieber sterben wir hier auf dem Meer, als noch einmal nach Libyen zurück zu müssen“, sagen sie uns.

Es ist Anfang Juli 2015. Meine Reise beginnt an einem Montagmorgen. Von Berlin nach Brandenburg weiter in Richtung Hamburg, wo ich Schiffsteile, Scheiben und Babyschwimmwesten für die Sea-Watch einlade. Über Nacht geht es noch weiter nach Esbjerg in Dänemark, denn meine eigentliche Mission ist es, Rettungsinseln nach Lampedusa zu bringen. So viele, wie es nur irgendwie geht.

5 Tage und fast 4500 km später stehe ich endlich auf Lampedusa. Und nach ein wenig Orientierung treffe ich die ersten Sea-Watch Mitglieder in einer kleinen Bar am Hafen. Zu lernen, sich auf der Insel zu orientieren und sie lieben zu lernen, dauert nur sehr kurz. Sich jedoch an den unglaublichen psychischen Druck zu gewöhnen, der auf uns allen lastet, funktioniert gar nicht. Denn während wir die Rettungsinseln verladen und noch tagelang nötige Reparaturarbeiten an Board des 99 Jahre alten Fischerkutters durchführen müssen, fahren stündlich die Guardia Costiera, die Küstenwache Italiens, mit vollen Booten den Hafen von Lampedusa an. Im Hafen angekommen, werden die Neuankömmlinge für die Touristen nicht sichtbar, kurz begutachtet und dann mit einem uralten Bus in das Auffanglager gebracht. Auf der Insel selbst sieht man keinen einzigen Flüchtling. Für die Lampedusani ist das alles Alltag, sie haben Verständnis für die Menschen auf dem Meer.

Diese armen Kerle wissen ja gar nicht, dass sie ihr Leben riskieren. Und wenn sie dann glücklich hier in Italien sind, werden sie oft ausgenützt. Was tun die mir leid, wenn ich sie so ankommen sehe. Auch wir sind ja früher ausgewandert um uns Arbeit zu suchen . Aber wir hatten immer jemanden, der auf uns aufpasste. Die Boat People sind völlig auf sich selbst gestellt, vertrauen ihr Leben Bootsführern an, die nicht mal einen Kompass kennen. Es ist nicht einfach, übers Meer zu fahren. … Ein Jammer, so viele Menschenleben. Ich verstehe ja, dass sie um jeden Preis eine Arbeit brauchen und in Freiheit leben wollen, aber keiner hilft ihnen auf dieser Reise.

sagte Vincenzo Lombardo in einem Radiointerview 2009.

So kämpfen wir gegen die Zeit, doch auch gegen die Temperaturen. Denn auf dem Schiff mit Nordseelackierung hat es mittlerweile über 40 °C. Im Motorenraum sind es bei Fahrt noch mal 20-30 °C mehr. Trotzdem steht mittendrin ein Kühlschrank, denn Platz oder Privatsphäre, all das gibt es auf diesem kleinen Schiff nicht. Doch knapp ein Dutzend Menschen sind hier bereit, einfach alles zu geben, um der Welt zu zeigen und zu dokumentieren, mit wie wenig Mitteln man die Menschen auf ihren Holz- und Schlauchbooten vor dem Ertrinken bewahren kann. Damit das Mittelmeer nicht weiter sinnlos zu einem Massengrab wird.

Als meine Zeit auf Lampedusa und der Sea-Watch zu Ende geht, sitze ich neben ein paar Carabinieri im hinteren Teil der Fähre, die mich nach Sizilien bringt. Dahinter öffnet sich eine Tür, aus der eine Gruppe Menschen kommt. Erst wenige, dann werden es immer mehr. Etwa drei Busse werde ich später zählen können. Darunter auch viele Frauen und Kleinkinder.
Sie sehen glücklich aus, alle lächeln mir immer wieder zu. Einige tanzen sogar, es ist eine ausgelassene Stimmung. Den Carabinieri bieten sie immer wieder Zigaretten an und machen Fotos, jeder mal neben jedem auf einer Sitzbank. Wie es Touristen eigentlich auch so tun. Doch die schauen weg und nehmen einen anderen Weg zum Ausblicksdeck. Nur einige wenige verirren sich in diesen Teil des Schiffes und huschen mit gesenkten Köpfen schnell weiter.

Auf meinem Shirt entdeckt jemand das Sea-Watch Logo und den Schriftzug. Sie tuscheln, rufen andere herbei. Sie schauen mich aufgeregt an und dann winken sie mir zu. Erst einer, dann die gesamte Gruppe. Näherkommen oder sogar miteinander reden, dürfen wir jedoch leider nicht. Auch wenn nur wenige Meter uns trennen. Und so winken wir uns eben zu.

Die Carabinieri schauen mich etwas skeptisch und irritiert an. Ich versuche Fragen zu stellen, möchte wissen, wie viele Flüchtlinge mit dabei sind. Wie viele Babys und Frauen darunter sind. Doch keine Frage wird mir beantwortet. Man dürfe mir keine Auskunft geben, antworten sie mir freundlich auf Italienisch. Später verschließt man die Tür wieder mit Seilen und unzähligen Knoten.

Aus den Luken hinter mir schauen immer wieder Kinder heraus. Funkelnde Knopfaugen, so voller Hoffnung und Zuversicht auf ein besseres Leben. In ihren Augen lässt sich so vieles lesen. Was sie schon alles erlebt und gesehen haben mögen, vermag ich nicht mal zu erahnen. Ich kann nur hoffen, dass sie irgendwann ihren Frieden mit dem Erlebten schließen können und in ein besseres Leben finden werden, auch wenn der Weg dorthin noch lang sein wird.

Und immer wieder schauen sie lächelnd auf das Meer hinaus, während langsam das Auffanglager und die Silhouette von Lampedusa am Horizont des Meeres verschwinden. So wie auch die Tränen, die ich aus Glück über diesen Moment und den Blick in diese Gesichter, als Abschluss meiner Sea-Watch Zeit auf Lampedusa sicher noch lange in Erinnerung behalten werde.

Später, als wir Porto Empedocle in Sicht haben, drücken etliche ihre Gesichter an die, mittlerweile mit dem abendlichen Kondenswasser beschlagenden, Scheiben. Wieder lächeln sie, einige winken wieder. Sie sind aufgeregt, jeder möchte den Hafen sehen, an den sie nun gebracht werden. Ich überlege kurz, was ich tun könnte. Und schaue mich kurz um, ob Carabinieri mich beobachten. Dann stelle ich mich vor eine Scheibe und schreibe spiegelverkehrt WELCOME darauf und male noch ein Herz darunter.

Aufgeregt schauen sie zuerst, was ich da mache. Einer scheint das Wort mittendrin zu erkennen und übersetzt es. Die Reaktion ist für mich kaum in Worte zu bekommen. Sie jubeln, sie freuen sich. Sie drücken ihre Hände an die Scheibe. Als hätte ihnen noch niemand hier gesagt: „Schön das ihr hier seid, das ihr es hierhin geschafft habt“.

Das waren Momente, in denen mir noch einmal überdeutlich bewusst wurde, warum das Sea-Watch Projekt so wichtig ist. Warum es sich so sehr lohnt, weit über seine eigenen Grenzen vor Ort den Menschen zu helfen und etwas tun zu dürfen. Ich bin glücklich und stolz, zumindest einen kleinen Teil beigetragen haben zu dürfen. Gleichzeitig lähmt es mich, denn viel zu viele Menschen, Kinder und Frauen haben ihr Ziel auf ein besseres Leben nicht erreichen können. Sie hatten vielleicht nicht einmal die Chance auf See gefunden werden zu können.

Danke Sea-Watch und all den Menschen, die daran mitwirken, Leben zu retten. Die einfach ‚alles‘ geben, um den Boat People zumindest eine Chance auf ein besseres Leben zu ermöglichen.